Posterous theme by Cory Watilo

Kindle

The Long Good Read Kindle #003

(CC BY-SA 2.0 via Flickr-Nutzer Rev Dan Catt)

Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen: Im Bett liegend, mit einem dicken Buch in der Hand, schloss ich den Tag ab. Aus "Nur noch das Kapitel beenden" wurden gerne mal einhundert Seiten. Das war etwas, auf das ich mich tief in meinem Inneren schon morgens gefreut habe. Dann kam das Internet.

Über die Jahre hinweg nahm mir das Netz langsam aber sicher die Geduld. Längere Texte wurden immer schwieriger zu lesen, denn hinter dem Browserfenster lockte die schnelle Zerstreuung, der nächste Text, die frische Nachricht. Dann kam der Kindle.

Die offizielle Einführung von Amazons Ebook-Reader in Deutschland und mein wieder aufkeimender Wunsch nach Lektüre in Buchform überschnitten sich zufällig. "Warum nicht?", dachte ich also und schenkte mir das Teil kurzerhand zum Geburtstag. Und so läuft das, mit der ganzen Kindle Experience:

Über die Hardware im Detail möchte ich gar nicht so viele Worte verlieren. Das haben andere schon zur Genüge und besser als ich es jemals könnte getan. Nur kurz: Der Kindle steht toten Bäumen in gebundener Form wirklich in nichts nach. Lediglich auf das Anfeuern eines Kamins muss ich wohl verzichten. Der Umwelt und meinem Kontostand zuliebe.

Mittlerweile bin ich seit drei Wochen im Besitz meines neuen Gadgets und habe es auch nahezu jeden Tag genutzt. Dabei sind mir natürlich schon einige Stärken und Schwächen aufgefallen. Einige mögen die von mir noch zu proklamierenden Stärken auch eindeutig zu den Schwächen zählen, aber lasst mich erst mal erklären:

Der Kindle macht im Prinzip nur eine einzige Sache richtig: Er benimmt sich wie ein Buch. Nur Lesen macht mit ihm Spaß und auch Sinn, denn die anderen Features sind alles andere als ausgereift. Der implementierte Browser (Mein Gerät ist WLAN-fähig und eine 3G-Variante existiert ebenso.) ist nicht umsonst unter dem Menüpunkt "Experimental" zu finden. Für bequemes Surfen ist die E-Ink-Technik einfach noch nicht optimiert. Das Display schlicht zu träge. Doch das ist gut so - jedenfalls für mich. Würde ich im Netz stöbern wollen, hätte ich mir auch ein iPad zulegen können. Dann würde ich aber nicht lesen, sondern im Internet rumgammeln. Und Angry Birds spielen.  Kindle: 1 - ADS: 0.

So, nun zum Rest. Bei dem bin ich von Amazon tatsächlich enttäuscht. Den Kindle gibt es seit November 2007, die aktuelle Generation seit August 2010. Seit April 2011 vertreibt Amazon das Gerät auch offiziell über seine deutsche Seite. Zeitgleich wird der Ebook-Store auch hierzulande geöffnet und ist mit deutschen Titeln bestückt. Warum aber schafft es Amazon nicht, das Interface auch ins Deutsche zu übersetzen? Für mich stellt das keine Hürde dar, jedoch für weniger sprachversierte Menschen (auch wenn sich von denen wahrscheinlich sehr wenige in der zuerst angepeilten Zielgruppe befinden). Außerdem reiht sich das perfekt in die sonst auch sehr halbherzige Markteinführung ein.

Der Kindle erlaubt es mir, an jeder Stelle eines Buches Notizen zu machen oder für mich wichtige Stellen zu markieren. Die Bedienungsanleitung verspricht mir, dass ich mir das dann auch bequem bei Amazon im Internet anschauen und sogar Social-Network-mäßig verfolgen könne, was meine Freunde sich so für Notizen in ihren Büchern machen. Auch der ein oder andere bekannte Autor ist da mit an Bord. Klingt spannend, funktioniert aber nur, wenn der Kindle mit Amazon.com registriert ist, was prinzipiell auch aus Deutschland kein Problem darstellt. Dann kann man aber nicht mehr auf das deutsche Ebook-Angebot zugreifen. Buchclub 2.0 fällt also für den Großteil der deutschen Leser, inklusive mir, flach.

Wenn man dann einen Blick ins Optionsmenü wirft, lässt sich der Punkt "Social Networks" finden. Von dort aus sollen sich die oben angesprochenen Highlights und Notizen auch an Twitter und Freunde auf Facebook verteilen lassen. So braucht man als Außenstehender nicht extra einen Kindle, um auch etwas in diesem Social-Buchclub mitzumischen. Auch hier blickt man als Deutscher in die Röhre, denn will man die Option aktivieren, begrüßen einen die folgenden Zeilen: "Derzeit können wir Kunden in Deutschland die Freigabefunktion nicht anbieten.[...]". So lange ich auch über diesen Punkt auch nachdenke, mir fällt kein Grund ein, warum das Amazon nicht machen kann. Ich kann mir lediglich vorstellen, dass deutsche Verlage mit dieser Funktion nicht einverstanden sind, da sich durch die Highlightfunktion so größere Textpassage aus dem Buch ins Netz stellen lassen würden. Das wäre kleinkariert von der Verlagen und gleichzeitig schwach von Amazon, sich diesem Druck zu beugen. In anderen Belangen sind die doch sonst auch nicht so zimperlich.

Baustelle auch bei den Hörbüchern: Durch Amazons Tochterangebot Audible lassen sich in den USA dort gekaufte Titel mit dem Kindle synchronisieren und anhören (der Kindle besitzt Lautsprecher und einen 3,5 mm Klinkeneigang für Kopfhörer). Audible existiert auch in Deutschland und doch habe ich vergeblich nach einer Möglichkeit gesucht, meine Hörbücher aus besagtem Angebot einfach over-the-air auf meinen Kindle zu bringen - es gibt sie de facto auch gar nicht. Nur über einen Zwischenhalt auf meinem PC lassen sich die Hörbücher per USB-Kabel auf den Kindle spielen, doch Ersteren hat man eben nicht immer dabei - gerade im Urlaub. Nach Anfrage auf Twitter verriet mir Audible Deutschland, dass sie bereits an dieser Funktion arbeiten. Ende des Jahres soll sie dann einsatzbereit sein - also etwa ein halbes Jahr, nachdem der Kindle auf Deutschland losgelassen wurde. Im mitgelieferten Handbuch wird diese Funktion bereits beschrieben, sie existiert aber offensichtlich noch gar nicht und von offizieller Seite aus scheint es (ohne extra nachzufragen) auch nirgendwo eine Info dazu zu geben.

Alles in allem hat Amazon mit dem Kindle in Deutschland viel falsch gemacht. Da schien irgendeine Abteilung im entscheidenden Moment einfach um Urlaub gewesen zu sein. Und doch liebe ich meinen Kindle, denn ich lese wieder viel. Es ist ja anscheinend auch das Einzige, was im Moment damit funktioniert. Doch das ist nicht schlimm: Deutschland ist in diesem Bereich der Digitalisierung Brachland und wird es vermutlich auch noch sehr sehr lange bleiben. Somit bleibt Amazon mehr als ausreichend Zeit, meine angesprochenen Punkte auszubügeln, denn Otto-Normal-User fallen solche Dinge kaum auf. Es liegt dann an den Early-Early-Adoptern ( ;-) ) wie mir, sich in aufgeblähten Blogposts darüber aufzuregen.

| Viewed
times
Filed under: